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Das Individuum ist der Schlüssel, die letztliche Wirkungseinheit sämtlicher biologischer Prozesse.
Pardot Kynes
Jahrelang hatte Liet-Kynes mit ganzem Herzen die wunderschöne, dunkelhaarige Faroula begehrt. Doch als er sie nun heiraten sollte, verspürte er nur noch Leere und das Gefühl, eine Verpflichtung zu erfüllen. Um den Anstand zu wahren, wartete er nach Warricks Tod drei Monate ab, obwohl er und Faroula wussten, dass ihre Verlobung längst beschlossene Sache war.
Er musste den Todesschwur erfüllen, den er seinem Freund geleistet hatte.
Bei den Fremen war es Sitte, dass die Sieger eines Zweikampfes die Frauen und Kinder ihrer getöteten Gegner aufnahmen. Faroula war jedoch keine Ghanima, keine Kriegsbeute. Liet hatte mit dem Naib Heinar gesprochen, seine Liebe bekundet und das feierliche Versprechen zitiert, das er Warrick gegeben hatte – dass er sich aufopferungsvoll um seine Frau kümmern und seinen Sohn wie seinen eigenen aufziehen würde.
Der alte Heinar hatte ihn mit einem Auge gemustert. Der Naib wusste, was sich ereignet hatte, wie es dazu gekommen war, dass sich Warrick während des Coriolissturms geopfert hatte. Was die Ältesten des Rotwall-Sietches anging, war Warrick in der Wüste gestorben. Die Visionen, die er angeblich von Gott empfangen hatte, waren offenkundig falsch, da er die Prüfung nicht überstanden hatte. Also erteilte Heinar seine Erlaubnis, und Liet-Kynes machte sich bereit, die Tochter des Naibs zu heiraten.
Er saß in seinem Zimmer hinter den Vorhängen aus gefärbten Gewürzfasern und grübelte über die bevorstehende Hochzeit nach. Der Aberglaube der Fremen verbot es ihm, Faroula in den zwei Tagen vor der offiziellen Zeremonie zu Gesicht zu bekommen. Mann und Frau mussten sich in dieser Zeit dem Reinigungsritual des Mendi unterziehen. Sie pflegten ihren Körper und schrieben Liebesbekenntnisse und Gedichte, die sie sich später überreichen würden.
Doch jetzt suhlte sich Liet in Selbstvorwürfen, ob er irgendwie für diese Tragödie verantwortlich zu machen war. War es der glühende Wunsch gewesen, den er beim Anblick des weißen Biyan geäußert hatte? Dort hatten Warrick und er gleichzeitig ersehnt, die junge Frau zu heiraten. Liet hatte sich bemüht, seine Niederlage an der Höhle der Vögel demütig zu akzeptieren und die egoistische Stimme in seinem Hinterkopf zum Schweigen zu bringen, die ihn niemals vergessen ließ, wie sehr er sie immer noch begehrte.
War mein geheimer Wunsch der Grund für diese Tragödie?
Jetzt sollte Faroula seine Frau werden ... aber diese Verbindung war aus einem tragischen Anlass entstanden.
»Ach, vergib mir, Warrick, mein Freund!« Er saß weiterhin stumm da und wartete, dass die Zeit verging, bis die Stunde kam, in der die Sietch-Zeremonie beginnen sollte. Er freute sich nicht darauf, nicht angesichts dieser Umstände.
Schwerer Stoff raschelte, als sich der Türvorhang teilte und Liets Mutter eintrat. Frieth lächelte ihm voller Mitgefühl und Verständnis zu. Sie hatte einen verschlossenen Flüssigkeitsbehälter dabei. Er war aus Häuten zusammengenäht, mit Gewürzharz versiegelt, um ihn wasserdicht zu machen, und kunstvoll bestickt. Sie reichte ihm den Schlauch, als wäre es ein kostbarer Schatz, ein Geschenk von unermesslichem Wert. »Ich habe dir etwas gebracht, zur Vorbereitung auf deine Hochzeit.«
Liet riss sich von seinen düsteren Gedanken los. »So etwas habe ich noch nie zuvor gesehen.«
»Es heißt, wenn eine Frau spürt, dass ihrem Kind ein bedeutendes Schicksal bevorsteht, dass es große Dinge erleben wird, soll sie die Hebammen auffordern, das Fruchtwasser der Geburt zu destillieren und aufzubewahren. Sie kann es ihrem Sohn zum Beispiel an seinem Hochzeitstag überreichen. Verwahre es gut, Liet. Es ist die letzte Vermischung deiner und meiner Essenz, aus der Zeit, als wir körperlich vereint waren. Jetzt wirst du dein Leben mit einem anderen vermischen. Wenn sich zwei Herzen vereinigen, wird ihre gemeinsame Kraft mehr als nur doppelt so groß.«
Vor Rührung zitternd nahm er den weichen Schlauch an.
»Es ist das größte Geschenk, das ich dir machen kann«, sagte Frieth, »an diesem bedeutenden ... und schweren Tag.«
Liet sah zu ihr auf und erwiderte den Blick ihrer dunklen Augen. Die Gefühle, die sie von seinem Gesicht ablas, erschreckten sie. »Nein, Mutter – du hast mir das Leben gegeben. Das ist ein viel größeres Geschenk.«
* * *
Als das Hochzeitspaar vor den Mitgliedern des Sietches stand, warteten Liets Mutter und die jüngeren Frauen im Hintergrund, während die Ältesten vortraten, um für den jungen Mann zu sprechen. Der kleine Liet-chih, Warricks Sohn, stand stumm neben seiner Mutter.
Pardot Kynes, der seine Arbeit zu diesem Anlass unterbrochen hatte, lächelte glücklich über das ganze Gesicht. Es überraschte ihn selbst, wie stolz er war, dass sein Sohn heiratete.
Kynes dachte an seine eigene Hochzeit zurück, die nachts in den Dünen stattgefunden hatte. Es war schon sehr lange her, kurz nach seiner Ankunft auf Arrakis, und er war so sehr mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt gewesen, dass er kaum etwas davon mitbekommen hatte. Unvermählte Fremen-Mädchen hatten gesungen und wie Derwische im Sand getanzt. Die Sayyadina hatte die Worte der Liturgie gesprochen.
Seine Ehe mit Frieth hatte sich gut entwickelt. Er hatte einen wohlgeratenen Sohn, den er sich zu seinem Nachfolger herangezogen hatte. Kynes lächelte Liet an – dessen Name, wie er sich plötzlich erinnerte, auf den Assassinen Uliet zurückging, der von Heinar und den Ältesten geschickt worden war, um ihn zu töten. Das war zu der Zeit gewesen, als die Fremen ihn noch als Außenseiter betrachtet hatten, als Fremden mit gefährlichen Träumen und Absichten.
Doch der Assassine hatte die Bedeutung der Vision des Planetologen erkannt und sich in sein eigenes Crysmesser gestürzt. Da die Fremen in allem ein Zeichen sahen, stand Pardot seitdem die gesamte Arbeitskraft der zehn Millionen Fremen uneingeschränkt zur Verfügung. Die Umgestaltung von Dune, die Anpflanzungen und die Eroberung der Wüste, schritt mit beachtlicher Geschwindigkeit voran.
Als er beobachtete, wie sehnsuchtsvoll Liet seine Braut ansah, war Pardot beunruhigt, dass die Aufmerksamkeit seines Sohnes so sehr von dieser Frau gefesselt wurde, dass der junge Mann sein zuvor tief verwundetes Herz so weit geöffnet hatte. Er liebte seinen Sohn auf ganz andere Weise; Liet war für ihn eine Erweiterung seiner eigenen Persönlichkeit. Pardot Kynes wollte, dass Liet eines Tages den Mantel des Planetologen anlegte, wenn seine Zeit vorbei war.
Im Gegensatz zu seinem Vater schien Liet sehr anfällig für Emotionen zu sein. Auch Pardot liebte seine Frau, die ihre traditionelle Rolle als Gefährtin erfüllte, aber seine Arbeit war ihm viel wichtiger als seine eheliche Bindung. Er stand unter dem Bann von Träumen und Ideen; er verfolgte leidenschaftlich das Ziel, diesen Planeten in einen grünen Garten Eden zu verwandeln. Doch er hatte sich niemals so sehr von einer Person vereinnahmen lassen.
Der Naib Heinar führte die Zeremonie durch, da die alte Sayyadina nicht mehr zu einer langen Wüstenreise imstande war. Als Kynes dem jungen Paar zuhörte, das nun die Eheschwüre ablegte, schien plötzlich ein dunkler Schatten über die Hochzeit zu fallen. Er machte sich große Sorgen um die Zukunft seines Sohnes.
Liet sprach: »Erfülle die Bedürfnisse meiner Augen, und ich erfülle die Bedürfnisse deines Herzens.«
Faroula antwortete: »Erfülle die Bedürfnisse meiner Füße, und ich erfülle die Bedürfnisse deiner Hände.«
»Erfülle die Bedürfnisse meines Schlafs, und ich erfülle die Bedürfnisse deines Wachens.«
Dann vervollständigte sie das Gebet: »Erfülle die Bedürfnisse meines Lebens, und ich erfülle die Bedürfnisse deines Lebens.«
Heinar ergriff die Hände der Braut und des Bräutigams, legte sie ineinander und hob sie empor, damit der gesamte Sietch sie sehen konnte. »Nun seid ihr im Wasser vereint.«
Ein leiser Jubel ertönte, der bald lauter wurde und schließlich von ganzem Herzen kam. Die Fremen waren zufrieden. Liet und Faroula wirkten sehr erleichtert ...
* * *
Nach der Feier fing Pardot seinen Sohn allein in einem Gang ab. Unbeholfen ergriff er Liets Schultern, doch es war kaum mehr als der Versuch einer herzlichen Umarmung. »Ich freue mich so sehr für dich, mein Sohn.« Er suchte nach den angemessenen Worten. »Du musst überglücklich sein. Du hast dieses Mädchen seit langer Zeit begehrt, nicht wahr?«
Er lächelte, aber in Liets Augen flammte Zorn auf, als hätte sein Vater ihm soeben einen unfairen Schlag versetzt. »Warum quälst du mich, Vater? Meinst du, ich habe noch nicht genug gelitten?«
Verdutzt wich Pardot zurück und ließ seinen Sohn los. »Wie meinst du das? Ich möchte dir nur zu deiner Hochzeit gratulieren. Ist sie nicht die Frau, mit der du schon immer Zusammensein wolltest? Ich dachte ...«
»Nicht auf diese Weise! Wie kann ich glücklich sein, wenn ein solcher Schatten über uns liegt? Vielleicht schwindet er in den nächsten Jahren, aber jetzt empfinde ich nur tiefen Schmerz.«
»Aber ...«
Pardots Gesicht verriet Liet alles, was er wissen musste. »Du verstehst überhaupt nichts, nicht wahr, Vater? Der große Umma Kynes!« Er lachte verbittert. »Du mit deinen Pflanzungen, deinen Dünen, deinen Wetterstationen und deinen Klimatabellen. Du bist so blind, dass du mir Leid tust.«
Die Gedanken des Planetologen rasten. Er versuchte den wütenden Worten eine Bedeutung zuzuordnen. »Warrick ... dein Freund.« Dann hielt er inne. »Es war doch nicht deine Schuld, dass er im Sturm gestorben ist, oder?«
»Vater, du hast überhaupt nichts mitbekommen.« Liet ließ den Kopf hängen. »Ich bin stolz auf deine Visionen. Aber du betrachtest unsere Welt lediglich als Experimentierfeld, auf dem du mit Theorien spielen kannst, auf dem du Daten sammelst. Siehst du nicht, dass du es nicht mit Experimenten, sondern mit wirklichen Ereignissen zu tun hast? Dass wir keine Versuchspersonen, sondern wirkliche Menschen sind? Es sind Fremen. Sie haben dich aufgenommen, dir ein neues Leben gegeben, dir einen Sohn geschenkt. Ich bin ein Fremen.«
»Das bin ich auch«, erwiderte Pardot entrüstet.
Mit heiserer Stimme, die so leise war, dass niemand sonst sie hören konnte, sagte Liet: »Du benutzt sie nur.«
Pardot war so verblüfft, dass er nicht antworten konnte.
Liet sprach wieder lauter. Er wusste, dass die Fremen Teile dieses Streits mithören und sich über die Reibungen zwischen ihrem Propheten und seinem Erben Sorgen machen würden. »Du hast mein ganzes Leben lang zu mir gesprochen, Vater. Doch wenn ich mir unsere Gespräche ins Gedächtnis rufe, dann erinnere ich mich nur daran, wie du wissenschaftliche Berichte zitiert und über neue Stadien der botanischen Anpassung referiert hast. Wann hast du dich mit mir über meine Mutter unterhalten? Wann hast du einmal als Vater zu mir gesprochen und nicht als ... Fachkollege?«
Liet schlug sich mit der Faust auf die Brust. »Dein Traum lebt auch in mir. Auch ich sehe die Wunder, die du in einigen versteckten Winkeln der Wüste vollbracht hast. Auch ich erkenne das Potenzial, dass unter dem Sand von Dune verborgen liegt. Doch selbst wenn du jemals alles erreichen solltest, was du dir wünschst ... würdest du es überhaupt bemerken? Versuche deinen Plänen ein menschliches Antlitz zu geben und denke an jene, die einst die Früchte deiner Bemühungen ernten werden. Schau in das Gesicht eines Kindes. Schau in die Augen einer alten Frau. Lebe dein Leben, Vater!«
Hilflos ließ sich Pardot auf eine Bank an der Felswand sinken. »Ich ... ich habe es doch nur gut gemeint«, sagte er mit belegter Stimme und sah seinen Sohn mit Scham und Verwirrung in den Augen an. »Du bist wahrlich mein Nachfolger. Gelegentlich habe ich gezweifelt, ob du jemals genug von der Planetologie verstehen wirst ... doch nun erkenne ich, dass ich mich getäuscht habe. Du verstehst viel mehr, als ich jemals hoffen kann zu lernen.«
Liet setzte sich zu seinem Vater auf die Bank. Zögernd legte der Planetologe eine Hand auf die Schulter seines Sohnes. Diesmal fiel die Geste wesentlich überzeugender aus. Liet griff nach der Hand und starrte mit der Verblüffung eines Fremen auf die Tränen, die seinem Vater über die Wangen liefen.
»Du bist wahrlich mein Nachfolger als Imperialer Planetologe«, sagte Pardot. »Du verstehst meinen Traum, aber in deinen Händen wird er etwas viel Größeres werden, weil du nicht nur eine Vision, sondern auch ein Herz dafür hast.«